Ende Januar habe ich meine Ausbildung zur Modeschneiderin abgeschlossen – und statt in einen gewöhnlichen Alltag zu starten, habe ich mich für ein neues Abenteuer entschieden: ein Erasmus-Praktikum bei Lofoten Wool in Nordnorwegen. Schon während der Ausbildung haben mich Wollprodukte, nachhaltige Materialien und hochwertige textile Verarbeitung besonders interessiert. Gleichzeitig haben mich der Norden Europas, die Kultur der skandinavischen Länder sowie die Sprachen hier oben schon immer fasziniert. Daher habe ich Ende Februar meine zwei Koffer gepackt und bin auf die Lofoten gezogen.
Allein die Reise hierher fühlte sich besonders an, doch noch besonderer wurde dann mein neues Zuhause: Für die Zeit meines Praktikums wohne ich in einem alten Kloster. Vorher wusste ich nicht so recht, was mich dort erwarten würde, doch inzwischen kann ich sagen, dass ich mich kaum wohler fühlen könnte. Es ist gemütlich, ruhig und nur einige Minuten zu Fuß von meiner Arbeit entfernt. Jeden Tag blicke ich auf den Fjord – ein Ausblick, an den man sich nie wirklich gewöhnt.
Auch mein Arbeitsplatz ist etwas Besonderes. Bei Lofoten Wool arbeite ich in einem kleinen Team mit drei Norwegerinnen, einer Finnin und mir als Deutsche. Dadurch ist der Alltag sehr persönlich, herzlich und abwechslungsreich. Meine Aufgaben sind ganz unterschiedlich: Ich arbeite an Schnittmustern, fertige erste Prototypen für neue Kleidungsstücke aus gewebten Wollstoffen an, färbe Wolle, helfe im Laden beim Verkauf und übernehme viele kleine Aufgaben, die im täglichen Betrieb anfallen. Einige Wochen war ich auch für die Schafe und deren tägliche Fütterung zuständig. Gerade diese Mischung macht die Arbeit spannend, weil kein Tag genau wie der andere ist.
Besonders viel nehme ich aber auf sprachlicher Ebene mit. Durch den täglichen Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Ländern hat sich mein Englisch sehr schnell verbessert. Noch wichtiger war mir allerdings Norwegisch. Am Anfang konnte ich kaum etwas verstehen, doch schon nach wenigen Wochen habe ich meine Kolleginnen gebeten, nur noch Norwegisch mit mir zu sprechen. Seitdem läuft mein Alltag hier komplett auf Norwegisch – bei der Arbeit, im Laden und oft auch privat. Das fordert mich heraus, macht aber unglaublich viel Spaß und sorgt für lustige Momente, wenn ich dann mit Deutschen plötzlich kein Deutsch mehr sprechen kann und mit Engländern aus Versehen Norwegisch spreche. Ich merke jeden Tag, wie viel man lernen kann, wenn man einfach den Mut hat, es zu versuchen.
Auch außerhalb der Arbeit erlebe ich hier unglaublich viel. An freien Tagen gehe ich wandern, entdecke neue Orte oder war bereits mit dem Kajak unterwegs. Mehrfach durfte ich schon Nordlichter sehen, und gleichzeitig zeigt die Natur hier auch ihre wilde Seite: starker Wind, plötzliche Wetterwechsel, sonnige Frühlingstage im April und Anfang Mai wieder Schnee. Genau diese Gegensätze machen das Leben auf den Lofoten so besonders. Ich bin unglaublich dankbar für die Möglichkeit, hier sein zu können, und freue mich auf die nächsten Wochen und Monate, die hier noch vor mir liegen.
Text und Fotos: Klara Hintzke
Kofinanziert von der Europäischen Union